Finger weg von kostenlosen Praktika
Ich finde die Postings auf dieser Pinnwand von Büros in Erfurt, Weimar und Jena, die ganz offen nach guten, aber unbezahlten Praktikannten suchen, eine echte Frechheit.Nach einschlägigen Erfahrungen im Agenturgeschäft und in der Ausbildung von Design (von der Berufsbildung über die Uni bis zu Seminaren für Profis) möchte ich ALLEN Studierenden von einem unbezahlten Praktikum abraten.
DIe Argumentation der Praktikasuchenden ist immer die gleiche:
+ Ihr müßt gut sein (sonst werdet Ihr ohnehin nicht genommen)
- Ihr bekommt kein Geld, aber Erfahrungen und EVENTUELL einen Berufseinstieg
Was ist daran verkehrt?
Euer Bonus ist
+ Ihr bietet den Büros Eure Arbeitskraft an
+ Ihr seid motiviert, teamfähig und talentiert
Eure (von den Agenturen immer wieder vorgetragenen Nachteile)
- Ihr müßt noch lernen
- Ihr habt noch keine/wenige Erfahrung
- Ihr braucht Einarbeitungszeit und verschwindet bald wieder.
- Es sieht gerade schlecht auf dem Markt aus
Keiner der oben stehenden Punkte ist falsch, aber:
: Wenn Ihr nicht gut, motiviert und teamfähig wärt, würdet Ihr gar nicht genommen
: Ihr müßt Euch erst einarbeiten - das ist richtig, aber im Praktikum sollt Ihr (lest mal die Ausschreibungen genau) SELBSTSTÄNDIG arbeiten können - Ihr lernt also nicht nur von Euren Arbeitgebern (die normalerweise andere Dinge zu tun haben als Euch Händchen zu halten), sondern vor allem aus einer neuen Umgebung und einer fordernden SItuation heraus
: Für Routinearbeiten braucht man (und das ist es, was Praktikanten am häufigsten tun - fragt mal die, die das schon hinter sich hatten) nur kurze EInarbeitung - i.d.R. wollen die Büros Euch aber für mindestens 3-6 Monate
: Wenn es schlecht auf dem Markt aussieht, ist das nicht Euer Problem, sondern das der Büros. Wenn sie Jobs haben, die Ihr erledigen müßt, dann verdienen Sie damit Geld. Ein Teil davon steht EUCH zu, die Ihr die Leistung erbracht habt oder zumindest daran beteiligt wart! Dafür, daß Ihr nicht so schnell und erfahren wie ein Profi seid, bekommt Ihr auch nur einen Bruchteil der Kohle.
Ein Praktigehalt sollte zumindest eine spartanische Existenz ermögichen - of ja auch noch in einer fremden Stadt mit höheren Kosten.
Welche Agentur das nicht zahlt, betreibt Ausbeutung.
Woran aber die Wenigsten denken - Ihr ruiniert Euch Eure Zukunft!
Das ist kein Witz, sondern bitterer Ernst.
Irgendwann wollt Ihr einen Job finden, selbstständig oder angestellt. Überall, wo Ihr fragt, werden die Praktikanten sitzen, die - immer professioneller werdend - den Job für lau machen, mit dem Ihr Euer Leben finanzieren wollt.
Wenn Ihr einen Job habt, werdet Ihr Euch die Frage nach besserer Bezahlung verkneifen, denn der Prakti nebenan ist super kreativ und macht den Job - kostenlos!
Wenn Ihr freuberuflich arbeitet und feststellt, daß der Mitbewerber wieder mal billiger war - hatte der u.U. ja wieder mal eine kostenlose Arbeitskraft am Start für Leistungen, die Ihr nicht habt verschenken können, da Ihr auch im nächsten Monat die Miete bezahlen müßt.
Was seid Ihr Euch wert? - Hoffentlich mehr als Nichts!
Wer nicht merkt, das er hier der Karotte hinterher rennt, die man ihm mit dem Stock auf den Rücken gebunden hat, ist äußerst kurzsichtig:
Findet Ihr es richtig, das der Staat (über BaFög) oder Eure Eltern oder Ihr (durch Jobben) den Büros kostenlose Arbeitskräfte finanziert?
Wenn Ihr am effektivsten lernen wollt, dann tut das an der Uni. Mit Eurem Studienplatz erwerbert Ihr das Recht auf eine Ausbildung im angetretenen Studiengang - fordert das ein, wenn Ihr das Gefühl habt, an der Uni nicht genug zu lernen.
Nachsatz:
Laßt Euch nicht veralbern von Leuten, die behaupten, sie wüßten wie die Welt geht. Eine der spannendsten Dinge am Beruf eines Kreativen sind die unabsehbaren Herausforderungen, die jeden Tag auf Euch zu kommen können. Auch Profis stehen jeden Tag vor Fragen, die sie noch nie beantwortet haben. Und sie bekommen (natürlich) Geld dafür.
Nachsatz 2:
Um allen Anfeindungen, die mir die hiesigen Kollegen wohl jetzt zukommen lassen entgegenzutreten:
1. Ich arbeite als Grafiker zu ordentlichen Stundensätzen.
2. Ich bezahle meine Subauftragnehmer angemessen.
3. Ich arbeite auf einem Macs, obwohl die teurer sind.
4. Ich habe meine Software gekauft.
5. Ich lizensiere meine Schriften.
6. Ich investiere kostenlos Zeit in gemeinnützige Projekte
und die Weitergabe meines Wissens an Freunde und Kollegen.
7. Ich respektiere und achte die Arbeit meiner Kollegen und Mitbewerber.
8. Ich will nicht mit 40 eine eigenes Haus besitzen und ein 60.000-Euro-Auto fahren.